Die Angst vor dem Blackout – Wie real ist die Gefahr in Deutschland?

In Deutschland wächst die Angst vor einem Blackout, darunter versteht man einen totalen Stromausfall, der lang anhaltenden Folgen mit sich bringen kann. Vor allem Versicherungskonzerne malen zur „Vorsorge“, ein düsteres Bild, sollte es zu so einem Stromausfall kommen. Versicherungskonzerne warnen, dass ein solcher Vorfall eine reale Bedrohung ist, während Experten auf die immer stabiler werdende Stromversorgung verweisen. In unserem Beitrag werden wir der Frage nachgehen, wie real die Bedrohung durch einen Blackout in Deutschland wirklich ist.

Blackout

Die Angst der Versicherer oder doch nur die Angstmache?

Erst vor Kurzem hob der mächtige Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), einem Zusammenschluss aus Allianz, Ergo, HDI und Co, warnend die Hand, um öffentlich die Folgen und Möglichkeiten eines Blackouts zu diskutieren. Für die Motivation hinter einer solchen Aussage des GDV kann man zwei Möglichkeiten vermuten. Erstens, der GDV beschäftigt sich mit einem totalen Stromausfall, da dieser eine große Gefahr für die Bundesrepublik darstellt und der GDV die Bevölkerung auf den Ernstfall vorbereiten will.

Oder aber die zweite Möglichkeit ist, dass im GDV eine bestimmte Art an Versicherungsvertreter-Mentalität Einzug gehalten hat. In dieser Mentalität möchte man mit genussvollen Schilderungen von Katastrophen den Verkauf von der perfekt passenden Versicherung erhöhen, da mittlerweile der Markt für die herkömmlichen Versicherungen übersättigt ist.Was sich nicht verleugnen lässt, ist, dass das Thema Black regelmäßig für hohe Quoten bei allen sorgt, die sich gerne gruseln oder eine Faszination für Endzeit Szenarien haben.

Diese Faszination ist seit mehr als zehn Jahren ungebrochen, vor allem seit der Veröffentlichung einer Studie des „Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag“, mit dem vertrauenserweckenden Titel „Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung“. Doch der Inhalt steht dem Titel in nichts nach.

In der Studie werden teils alarmierende Aussagen getroffen, so zum Beispiel: „Ein langandauernder Stromausfall wird die Bevölkerung in Unsicherheit und Angst versetzen sowie Gefährdungen von Leib und Leben mit sich bringen“. Dem stehen natürlich die Erfahrungen der letzten zehn Jahre gegenüber, in denen nicht wirklich etwas in dieser Richtung passiert ist. Selbst in den Zeiten des Energiewandels und des Atomausstiegs haben wir bis jetzt noch keinen totalen oder gar lang anhaltenden überregionalen Stromausfall in der Bundesrepublik erlebt.

Ein Blackout ist aktuelle eines der größten Risiken – Laut GDV

Das Ausbleiben eines solchen totalen Blackouts in den letzten Jahren bedeutet natürlich nicht, das nichts passieren wird. Genau darauf konzentriert sich der GDV und schildert genüsslich einen Vorfall vom Februar 2019. Bei dem besagten Vorfall wurde bei Bauarbeiten unter einer Brücke im Stadtteil Treptow-Köpenick in Berlin zwei 110-Kilovolt-Leitungen mit je drei armdicken Kabeln beschädigt. Darauf folgte eine Kettenreaktion, die mehr als 30.000 Haushalte ohne Strom zurückließ und das im Februar. Außerdem fielen die Ampeln aus, die Straßenbahn blieb stehen, das Handy hatte keinen Empfang und kein Internet mehr.

Kitas und auch Schulen waren gezwungen die Kinder zurück in die stromlosen Wohnungen zu schicken. Das Hauptproblem war dabei das durch den Stromausfall auch zwei lokale Heizkraftwerke ausfielen. Allerdings traf es auch Aufzüge und Pflegeheime in denen die Beatmungs- und Dialysegeräte kurzzeitig ausfielen. In ihrem Bericht zitiert der GDV Wolfram Geier mit den Worten das „Ein Blackout […] aktuell zu den größten Risiken für unser Land [gehört]“. Geier ist Abteilungsleiter für Risikomanagement und internationale Angelegenheiten im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK).

In Berlin konnte man deutlich sehen das es sich bei einem Stromausfall um einen Wettlauf gegen die Zeit handelt. So sprang in einem Krankenhaus das Notstromaggregat nicht an, da es durch die Witterung beschädigt wurde. Glücklicherweise konnte die Feuerwehr schnell ein neues organisieren, trotzdem war es ein Schock für alle Beteiligten.

Daraufhin verlegte man Patienten und Pflegebedürftige in nicht betroffene Krankenhäuser. Während dessen kontaktierte das deutsche Herzzentrum Patienten mit künstlichen Herzen, da diese bei einem leeren Akku in Lebensgefahr wären. Im Endeffekt bestand Berlin seinen Stresstest und konnte nach 30 Stunden die Leitung reparieren und den Ausnahmezustand beenden.

Das ist aber noch nicht drastisch genug, deshalb legen die Versicherer nach. Weiter unten werden wir schildern, warum wir der Meinung sind das hier vieles aufgeblasen ist und der GDV in erster Linie Werbung für Versicherungen machen will. Aber zurück zu dem Bericht der GDV. Darin heißt es das schon 24 Stunden ohne Strom, das Leben wie wir es kennen zum Stillstand bringen. Im Falle eines Stromausfalls kommt das öffentliche Leben zum Erliegen, Telefon und Internet fallen aus, U- und S-Bahnen bewegen sich nicht mehr und Flugzeuge blieben am Boden.

In Berlin viel auch die Versorgung mit Bargeld aus, da die Automaten nicht mehr liefen und in den Supermärkten piepsten, die Kasse nur noch für etwa 30 Minuten dann war auch der Notstrom erschöpft. Björn Fromm, Präsident des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, sagt zur Abhängigkeit von Supermärkten: „Ein großes Tiefkühlregal hält zwischen zwei und zehn Stunden durch, wenn wir die Kälte mit Rollos, die wir sonst nur nachts herunterlassen, speichern können“. Nach dieser Zeit fängt das Fleisch an zu gammeln, die Pizzas werden pappig und das Eis schmilzt. Der Zusammenbruch des öffentlichen Lebens beginnt also nach 24 Stunden. Laut GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen, sind wir in Deutschland auf die Folgen eines Blackouts leider nicht ausreichenden vorbereitet.

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Die Abschaltung einer Leitung kann Stromausfälle in ganz Europa verursachen

Doch ist der Bericht der GDV reine Panikmache oder stehen wir einer realen Gefahr gegenüber. Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach. Wo der GDV recht hat ist das es eine Reihe von Risiken gibt, die einen Zusammenbruch des Stromnetzes zur Folge haben können. Darunter sind etwaige Hackerangriffe oder auch extrem Wettereignisse, wie der Storm „Zeynep“ zu Beginn von 2022, über den Norden Europas hinwegfegte.

Dabei muss die Leitung nicht einmal zwangsläufig in Deutschland beschädigt werden um hierzulande den Blackout auszulösen. Durch die enge Verknüpfung der Stromnetze in Europa genügt ein Totalausfall in einer Region Europas um das gesamte Stromnetz großflächig ins Wanken zu bringen. Es ist gut möglich das ein Stromausfall in Mailand auch in Hamburg schwere Folgen hat.

Doch das wohl größte Risiko ist und bleibt der Mensch selbst bzw. menschliches Versagen. Ein Beispiel dafür konnte man 2006 beobachten. Dort wurde eine vermeintlich unkritische Stromleitung abgeschaltet umso eine gefahrlose Überfahrt des Kreuzfahrtschiffs „Norwegean Pearl“ von der Meyer Werft in Pappenburg zur Nordsee zu garantieren. Das ist in der Regel reine Routine, allerdings haben die Verantwortlichen vergessen die Netzbetreiber darüber zu informieren.

Die Folge diese Versäumnis waren Stromausfälle in unterschiedlichen Teilen Europas, die bis zu zwei Stunden anhielten, berichtet der GDV in seinem Beitrag. Verschärft wird die Situation durch die aktuelle Energiewende bei der die Versorgung von regenerativen Energien abhängig ist, die leider den Nachteil haben auch mal nicht zu laufen. Dieses Phänomen heißt „Dunkelflaute“, also wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst, und geistert seit Jahren schon durch die Diskussion. Gepaart wird das alles noch mit einem steigenden Verbrauch, der durch die Mobilitätswende nur noch stärker steigen wird.

Man darf aber nicht vergessen das bis jetzt keines dieser Risiken zu einem landesweiten Stromausfall geführt hat. Die Statistik der Bundesnetzagentur, die jedes Jahr die durchschnittliche Zeit ohne Strom pro Einwohner ausrechnet, zeigt sogar das Gegenteil. So mussten die Deutschen im Jahr 2019 noch mehr als zwölf Minuten ohne Strom auskommen, sank diese Zahl in 2020 auf weniger als elf Minuten. 10,73 Minuten um ganz genau zu sein.

Ein Grund für diese geringe Zahl ist vor allem die Vorbereitung der Kraftwerksbetreiber, die mit allen Kräften eine solche Gefahr vorbeugen wollen. Dabei wird der sog. „Lastabwurf“ regelmäßig durchgespielt. Bei einem „Lastabwurf“ werden bestimmte Großverbraucher automatisch nicht mehr mit Energie versorgt, sollte ein bestimmter Wert im Netz erreicht werden. So wird ein kompletter Zusammenbruch des Netzes verhindert. Die Vorgehensweise der Energieversorger wird dabei laufend im „Gridcode“ aktualisiert und aufeinander abgestimmt.

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Schwachstellen im Netz werden durch die Bundesregierung angegangen

Seit Jahren schon befasst sich Kathrin Stolzenburg vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn mit der Ausfallsicherheit des deutschen Stromnetzes. Schon 2017 stellt Stolzenburg fest, dass das deutsche Netz zu einem der sichersten in der Welt zählt, die Ereignisse der letzten Jahre geben ihr dabei Recht. „Die Wahrscheinlichkeit, dass der Strom in Deutschland ausfällt und dass es zu einem lang anhaltenden und großflächigen Stromausfall kommt, die ist sehr, sehr gering“, zitiert sie der Deutschlandfunk. „Das heißt aber nicht, dass sie bei null liegt.“

Hinzu kommt, dass das Bundesforschungsministerium in den letzten Jahren eine Vielzahl an Projekte gefördert hat, deren Ziel es ist Schwachstellen im Stromnetzwerk zu beseitigen. Dabei erinnern viele der Decknamen an Thriller und Spion-Filme a la „James Bond“. So haben wir zum Beispiel „TankNotStrom“, dass sich mit der Frage beschäftigt wie man die Energie- und Kraftstoffversorgung von Notstromaggregaten und Tankstellen im Falle eines längeren Stromausfalls sicherstellen kann. Die Kommunikation während es eines Blackouts soll eine ausfallsichere Kommunikationsplattform gewährleisten, welche im Projekt AlphaKomm entwickelt wird. Die Bundesregierung wirkt zumindest gut auf einen möglichen Blackout vorbereitet zu sein.

Am Ende des GDV Berichts findet man dann natürlich noch einen Werbeblock. Dieser zeigt das man bewusst drastische Schilderungen verwendet hat. Die Folgen eines Blackouts kann man aber ganz einfach mit einer Versicherung auffangen. Dabei kann man vor allem Sachschäden wie verdorbene Ware oder die Folgen von Wassereinbrüchen oder Bränden versichern. Dabei geht es aber vor allem um Erwartungsmanagement, heißt wenn zu viel kaputt geht funktioniert das Versicherungsprinzip, alle zahlen für wenige Betroffene, nicht mehr. Hier wird schon jetzt nach Vater Staat gerufen, man muss ja vorsorgen, und eine öffentliche-private Partnerschaft als Lösung angeboten.

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